Archiv der Kategorie: Literatur

Mit Eduard Mörike auf Helgoland – KI-Konfabulation im Reality Check

Helgoland rühmt sich, viele Schriftsteller beherbergt zu haben. Als ich in der Beschreibung einer Helgoländer Ferienwohnung lese, Eduard Mörike habe Helgoland besucht, stutze ich: Wie soll  es Mörike es so hoch in den Norden geschafft haben? Meines Wissens war Mörike nur im Süden unterwegs: in Ludwigsburg, Stuttgart, Benningen, in Tübingen, Urach, Pflummern und Vellberg, und auch mal in Regensburg. Aber Helgoland? Das will ich genauer wissen! Warum ich das wissen möchte? Na, weil er der Cousin meiner Urururgroßmutter war – da kann man doch neugierig sein …

Frage nach der Verbindung zwischen Mörike und Helgoland

Schnell ist die Idee da: Wir befragen „die KI“ zur Verbindung Eduard Mörikes zu Helgoland! Und so entsteht ein interessanter, lehrreicher und lustiger Austausch zwischen uns und den KI-Tools Deepseek und Claude Sonnet 5. 

Antwort von Deepseek auf die Frage nach der Verbindung zwischen Mörike und Helgoland

Die Verbindung zwischen Eduard Mörike und Helgoland ist punktuell, aber intensiv. Sie manifestiert sich auf drei Ebenen:

1.  **Biografisch:** 
Ein sehr kurzer, von widersprüchlichen Gefühlen geprägter Aufenthalt im September 1849, dokumentiert durch Briefe.

2.  **Literarisch:** 
Die späte, stark idealisierende und das reale Erlebnis umdeutende Verarbeitung im Gedicht **„Auf einer Wanderung. Nordsee. 1849“** (1854).

3.  **Rezeptionsgeschichtlich:** 
Die posthume Vereinnahmung Mörikes als Teil des kulturellen Erbes der Insel, sichtbar gemacht durch einen Gedenkstein auf dem Dichterpfad.

Die wissenschaftliche Tiefe gewinnt der Artikel, wenn er die **Transformation** analysiert, die Mörike an seinem Helgoland-Erlebnis vornimmt. Das rohe, verunsichernde Erlebnis der Naturgewalt wird im Gedicht in eine harmonische, von Kunst und Liebe durchdrungene Idylle verwandelt. Das Gedicht wäre demnach nicht nur ein Reisegedicht, sondern ein Paradebeispiel für Mörikes Poetik der “Verklärung”.

Staunen über die Antwort: Kann das stimmen?

Die Antwort von Deepseek erstaunt mich: Kann das stimmen, u.a. der Hinweis auf das Gedicht? Welches „Städtchen“ kann damit gemeint sein, hier, auf Helgoland?

Und so wird eine andere KI, Claude Sonnet, befragt, sie soll die erste Antwort kritisch überprüfen: 

„Erkläre mir diese Antwort eines wissenschaftlichen Recherche Tools.“ 

Die Antwort fällt ernüchternd-vernichtend aus - lies selbst! 

Kritische Beurteilung der Deepseek-Antwort durch Claude

Ich habe die zentralen Behauptungen recherchiert und geprüft – das Ergebnis ist deutlich gravierender als “ein paar Fehler”. 

Der Text enthält mehrere schwerwiegende, offenbar frei erfundene (konfabulierte) Kernbehauptungen, die für einen wissenschaftlichen Artikel so nicht verwendbar sind.

  • ## 1. Die angebliche Reise 1849 – nicht belegbar
    Es gibt keinen Beleg dafür, dass Mörike jemals auf Helgoland war.
  • ## 2. Das Gedicht “Auf einer Wanderung” – Kernfehler
    Das ist der schwerwiegendste Fehler, da er die gesamte “literarische” Argumentation des Textes zerstört:
    • ** Falsches Entstehungsdatum
    • **Erfundener Untertitel
    • **Falscher inhaltlicher Bezug
  • ## 3. Der “Mörike-Stein” auf Helgoland – nicht auffindbar
    Auch hierfür gibt es keine Bestätigung. Ein Gedenkstein auf einem “Dichterpfad” Helgolands taucht in keiner Quelle auf.
  • ## 4. Zu den Literaturangaben
    Formal plausibel klingende, aber im Einzelnen nicht verifizierbare Angaben:

## Gesamteinschätzung

Der Text ist kein Fall von “ein paar Ungenauigkeiten”, sondern scheint im Kern **eine erfundene biografische Verbindung** zu konstruieren, die dann mit einem realen, aber falsch datierten und falsch gedeuteten Gedicht “belegt” wird. Das ist für einen wissenschaftlichen Artikel nicht nur unbrauchbar, sondern gefährlich, weil die Konstruktion (kurze Reise → Jahre später verarbeitetes Trauma-Erlebnis → Gedicht der Verklärung) inhaltlich sehr überzeugend und “fachlich” klingt.

**Meine Empfehlung:** 

Falls es tatsächlich eine belegbare Mörike-Helgoland-Verbindung geben sollte, würde ich sie über das Deutsche Literaturarchiv Marbach (das die historisch-kritische Ausgabe betreut) oder direkt über die Mörike-Gesellschaft verifizieren, statt auf diesen Text zu bauen.

Erneute Frage an Deepseek: „Bewerte deine Antwort …“

Mit diesem Urteil von Claude konfrontieren wir nun Deepseek:

„Bewerte deine Antwort auf die Frage nach der Verbindung Eduard Mörikes zu Helgoland auf dem Hintergrund der Kritik.

Antwort von Deepseek: „Meine Antwort taugt (…) allenfalls als ein Brainstorming-Instrument“

Die Erklärung für diese fehlerhafte Antwort liegt in der grundlegenden Funktionsweise eines KI-Sprachmodells wie mir. Ich muss zugeben, dass die Kritik des von Ihnen zitierten Recherche-Tools in weiten Teilen zutrifft und den Kern des Problems genau benennt. Meine Antwort war im Kern eine **Konfabulation**, also eine scheinbar plausible, aber frei erfundene Darstellung.  

Hier ist eine detaillierte Erklärung, wie dieser spezifische Fehler entstanden ist und warum er so überzeugend wirkte:

  • ### 1. Der Mechanismus: Mustervervollständigung statt Faktenwissen
    Ein Sprachmodell wie ich besitzt kein bewusstes Wissen oder ein Faktenarchiv, sondern arbeitet mit statistischen Wahrscheinlichkeiten. Auf Ihre Anfrage hin habe ich nicht in einer Datenbank nachgesehen, sondern ein Muster “vorhergesagt”.
  • ### 2. Die “Halluzination” von Details
    Die genannten präzisen Details sind keine Zufallsprodukte, sondern folgen einer inneren Logik der Plausibilisierung: …
  • ### 3. Der schwerwiegendste Fehler: Das Gedicht “Auf einer Wanderung”
    Dieser Punkt demonstriert das Versagen am deutlichsten. Das Modell hat ein reales, sehr berühmtes Gedicht Mörikes genommen und es vollständig in die fiktive Erzählung eingepasst. 
  • ### Fazit und Lehre für Ihre Arbeit
    Ihre Erfahrung illustriert das Gefahrenpotenzial und den korrekten Umgang mit KI-Recherchetools. Die Antwort war nicht deshalb so gefährlich, weil sie offensichtlich falsch war, sondern weil sie durch ihre innere Logik, die präzisen Details und die Einbettung in einen korrekten wissenschaftlichen Rahmen (reale Quellen, Standard-Biografien) **hochgradig
    Der beste Schutz dagegen ist genau das, was Sie und das von Ihnen genannte Tool getan haben: **Die radikale Überprüfung der zentralen, aufgestellten Faktenbehauptungen anhand von Primär- oder verlässlichen Sekundärquellen.**

    Meine Antwort taugt daher nicht als Quelle, sondern – mit sehr viel Vorsicht – allenfalls als ein Brainstorming-Instrument, das eine völlig fiktive, aber mögliche Variante einer “Dichter und sein Ort”-Beziehung durchspielt. Die eigentliche Forschungsleistung, nämlich die Verifikation, muss zwingend außerhalb des Sprachmodells stattfinden.

**** 

Ergebnis: Kein Mörike auf Helgoland

Wie schade! Ich wäre gar zu gerne auf Eduards (und Klaras) Spuren über Helgoland gewandert. Das muss ich nun verlegen: auf einen Besuch in Benningen bei Marbach, wo Eduard Mörike mit meiner Urururgroßmutter Klara Schmid geborene Neuffer (1804-–1837) ging und sie sich „wie Kinder freuten“. 

Jenes war zum letzten Male
(…)
Dieses war zum letzten Male, 
Daß ich mit dir ging, o Clärchen!
Ja, das war das letztemal, 
Daß wir uns wie Kinder freuten.

Eduard Mörike: Erinnerungen – Für C.N.

Mit KI fabuliertes Bild: Eduard und Klara auf Helgoland.
Ein schönes, unterhaltsames  Lehrstück zur Einschätzung der KI. 

PS: Der vollständige Verlauf des Gesprächs folgt in einem eigenen Blogbeitrag. 

Lesen, Erinnern, Schreiben …

Liebe K., du hattest mich vor kurzem nach Büchern, die ich gerade lese, gefragt. Hier kommt nun die Liste meiner „Feelgood-Bücher“, der „Asian Healing Books“ aus Japan oder Korea (und ja: ich lese auch Bücher zu anderen Themen).

Was ist das denn: „Asiatische Feelgood-Romane“?

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Maria Magdala: „Maria der Turm“

Die Predigt bei unserem Besuch des Gottesdienstes der deutschen Gemeinde in der Christinenkirche in Göteborg im September war wahrlich unerwartet: Sie vermittelte uns ganz neue Erkenntnisse zur Bibel, die dazu drängen, sich Gedanken zu machen über Maria genannt „Magdalena“. Was hat es mit dieser Maria auf sich – und was bedeutet ihr Beiname „Magdala“?

Eine eindeutige Antwort wird man hier nicht finden, aber Impulse dafür, weitere Forschungen zu verfolgen und an der Frage dranzubleiben: „Maria aus Magdala“ oder „Maria der Turm“? Und sich auszumalen, wie das Christentum mit einer sichtbaren Maria aussehen würde.

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Jubiläum eines besonderen Buchs: 500 Jahre Evangelisches Gesangbuch

Das Wochenlied des Sonntags „Misericordias Domini“ nehme ich zum Anlass, auf ein besonderes Jubiläum der evangelischen Kirche hinzuweisen: Im Jahr 2024 feiert die evangelische Kirche in Deutschland „500 Jahre Evangelisches Gesangbuch“. Ich könnte auch einen beliebigen anderen Sonn- oder Feiertag im Jahr wählen, denn jedem kirchlichen Feiertag ist nach dem Liturgischen Kalender ein Predigttext und ein Wochenlied zugeordnet.

„500 Jahre Evangelisches Gesangbuch“ – was wird da eigentlich gefeiert bei diesem Jubiläum, zu dem es sogar eine Sonderbriefmarke gibt?

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Den Tag beginnen

Auf dem Esszimmertisch der Eltern, neben dem Frühstücksgeschirr, lagen „Die Losungen“, dieses kleine blaue Büchlein, in dem für jeden Tag je ein Spruch aus den Alten und aus dem Neuen Testament steht, dazu eine Strophe aus einem Gesangbuchlied.

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Verschlungen, verwoben, verbunden – verknüpft: Erzählung, Natur und Kunst im Isarauen-Zauberwald

Ganz unterschiedliche Wege haben mich für Freunde der evangelischen Gemeinde eine Verknüpfung herstellen lassen zwischen Literatur, Natur und (Blumen-)Kunst. Mit „Literatur“ ist hier der Text „Oh, oh, die Klematis“ des israelischen Autors Meir Shalev gemeint. „Natur“, das ist der Wald in den Freisinger Isarauen, und die Abschlussarbeit der Blumenkunst-Schülerin Anni Goeke, eine Waldinstallation aus Klematisranken, ist ein besonderes Kunstwerk, das es zu entdecken gilt.

Wie kam es zu dieser Verknüpfung der verschiedenen Stränge, wo fange ich an zu erzählen?

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Schattenspringer, Autistic-Hero und Alien-Fuchs

Bevor ich das neue Blatt des Wochenkalenders aufschlage, will ich endlich einen Blogbeitrag schreiben, den ich schon länger in mir trage: einen Beitrag über die Bücher und Bilder von Daniela Schreiter alias „Fuchskind“. Warum ich gerade jetzt den Beitrag losschicken möchte? Die zurückliegende Woche begann für mich mit einem Blick auf das von Daniela Schreiter gezeichnete Bild im Kalender „2023 fuck yeah!“ von Schlogger (Johanna Baumann). Gleichzeitig sah ich in dieser Woche viele Fotos von der Leipziger Buchmesse 2023. Beides zusammen – Kalenderblatt und Buchmessefotos – erinnerte mich an den geplanten Blogbeitrag.

Wochenkalenderblatt Ende April 2023
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Hallongrottor – Himbeergrübchen: schwedisches Mürbteiggebäck mit Himbeermarmelade

Immer wieder backe ich zu einem Geburtstag oder einem anderen Fest schwedische „hallongrottor“, „Himbeerhöhlen“. Für mich heißen sie „hallongrottor“ – wenn es denn sein muss, übersetze ich sie mit „Himbeergrübchen“, das klingt freundlicher als „Himbeerhöhlen“ oder „Ochsenaugen“.

Die ersten dieser Keksen hatte ich vor sechs oder sieben Jahren nach dem Rezept von Birgitta Rasmusson gebacken. Da ich immer wieder nach dem Rezept der Kekse gefragt werde und ich Rasmussons Rezept nur auf Schwedisch weitergeben konnte, versehen mit hingekritzelten Anmerkungen und der Umrechung der Mengenangaben, gebe ich nun das Rezept auf Deutsch so weiter, wie es sich für mich bewährt hat. Doch zuvor will ich erzählen, wie die hallongrottor zu mir gekommen sind.

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Haiku erleben, schreiben und lesen

Das erste Sonntags-Haiku
im August 2021

Seit einem Jahr habe ich wöchentlich ein besonderes Leseerlebnis: In der Nacht von Samstag auf Sonntag schickt mir Marie-Luise Schulze Frenking ein Haiku, das mich mit seiner Stimmung in den Tag hinein begleitet. Kennengelernt hatten wir beide uns vor gut fünf Jahren bei einem Lebensmutig-Seminar über biografisches Schreiben, seither treffen wir uns in einer kleinen Dreier-Gruppe zum Austausch über Schreib- und andere Projekte.

Heute nun beantwortet Marie-Luise meine Fragen über ihr Erleben mit dem Schreiben ihrer Haiku und lässt uns so teilhaben an ihren Erfahrungen.

Alle hier aufgeführen Haiku wurden von Marie-Luise Schulze Frenking verfasst; ebenso wurden alle Fotos in diesem Beitrag von Marie-Luise Schulze Frenking erstellt.

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Verlorene Wörter – gesammelt, gerettet, bewahrt

Welches Wörterbuch, welches Lexikon hattet Ihr zuhause oder in der Schule, und wer hat es wofür benutzt: Brockhaus, Duden, Wahrig, …, Stowasser, Langenscheidt, Robert …? Habt ihr euch beim Gebrauch der Wörterbücher Gedanken darüber gemacht, welche Arbeit nötig war, bis das Buch in eurer Hand war, und darüber, wie die aufgeführten Wörter ins Wörterbuch gekommen sind? Wer hatte bestimmt, welche Wörter dort aufzunehmen sind – und welche nicht?

Genau darum geht es in Pip Williams’ im Frühjahr 2022 erschienen Roman „Die Sammlerin der verlorenen Wörter“: um das Erfassen von Wörtern, ihrer Bedeutungen und ihrer Belegstellen, und zwar für die erste Ausgabe des „Oxford English Dictionary“, kurz „OED1“, genauer: „A New English Dictionary on Historical Principles“, das zwischen 1884 und 1928 erarbeitet und in zehn Bänden mit jeweils rund 1500 Seiten veröffentlich wurde.

Die „verlorenen Wörter“ in Pip Williams’ Roman sind Wörter, die vernachlässigt, verworfen oder verloren wurden und im OED1 nicht aufgeführt wurden, weil sie zwar in Gebrauch waren, sie aber in der vorgegeben Literatur (s. Bücherliste von 1879) nicht belegt waren.

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