Schwarzbrot am Abend

Vor Kurzem saßen wir beim Abendbrot, es war genau acht Uhr. Da begann die Glocke der Dorfkirche zu schlagen, zuerst die Uhrzeit, dann in gleich bleibendem, ruhigem Rhythmus:
hin und her, hin und her, eins – zwei, eins – zwei, eins – zwei …

Beim Klang der Glocken fiel mir ein, wie es früher war, wenn ich mit Mutter an einem Sommer- oder Herbstabend im Garten war und die Glocken zu läuten anfingen. Das Läuten der Abendglocke beendete – damals wie auch heute – den Arbeitstag. Es ruft uns zu, dass es Zeit ist, im Garten die Gartenschere oder beim Abendessen das Messer zur Seite zu legen, innezuhalten und durch das Abendlied zu Ruhe zu kommen.

Die Glocken haben mich innehalten lassen, sie haben mich mit anderen ins Gespräch gebracht über Singen und Beten im Haus unserer Eltern und mich mit Fulbert Steffenskys „Schwarzbrot-Spritiualität“ und seinen Regeln für religiöse Aufmerksamkeit bekannt gemacht. Ohne dies vertiefend darzustellen, möchte ich mit diesem Text den Impuls geben, Steffenskys Text zu lesen, zu erinnern, zu üben und mit anderen darüber ins Gespräch zu kommen ….

Beim Klang der Abendglocke sang unsere Mutter mit uns:

Ach bleib bei uns, Herr Jesu Christ, weil es nun Abend worden ist;
dein göttlich Wort, das helle Licht, laß ja bei uns auslöschen nicht!

In dieser schwern, betrübten Zeit verleih uns, Herr, Beständigkeit,
daß wir dein Wort und Sakrament behalten rein bis an unser End! Amen

EG 246 (Text: Philipp Melanchthon und Nikolaus Selnecker; Melodie: Martin Luther)

So habe ich es als Kind gelernt, das Eine lässt sich nicht vom Anderen trennen: der Glockenschlag, der Garten oder der Abendbrottisch, die Mutter, das Innehalten – das Lied. Nun also sitze ich wieder am Tisch, höre die Glocken, singe das Lied und denke dabei an Mutter, deren Stimme nie aufhören wird, in mir zu singen.

Als ich meinem „Großcousin“ – auch ein Pfarrerskind – von dieser Situation erzählte, schrieb er mir: „‚Ach bleib bei uns Herr Jesu Christ …‘ gehört auch zu meinem Gebetsschatz, weil es bei uns zuhause immer beim Läuten der Abendglocke gesprochen wurde. Das Gebet ist für mich wie ein gutes Stück Schwarzbrot.“

Erst stutze ich: „…ein gutes Stück Schwarzbrot“? Dann erkenne ich: „ein gutes Stück Schwarzbrot“, ja, das klingt gut, das ist passend! Als ich dem Bruder vom Abendlied und dem „Schwarzbrot-Gebet“ des Cousins erzähle, verweist er mich auf ein Buch des bekannten Theologen Fulbert Steffensky:

Fulbert Steffensky: „Schwarzbrot-Spiritualität“. Radius-Verlag, Stuttgart, 2008; ISBN-13: 9783871733253; 2005.

Im Vorwort schreibt Steffensky über „Spiritualität“, über die große Sehnsucht der Menschen und über die Frage, was wir unseren Nachkommen hinterlassen. Dazu erzählt er von der Übergabe des Prophetenmantels von Elia an seinen Schüler Elisa und stellt dazu die Frage: „Welche Mäntel hinterlassen wir unseren Nachkommen? Worin können sie sich bergen und womit können sie sich wärmen?“. Hier ergänze ich und frage: „Welche Mäntel haben wir von unseren Eltern bekommen?“

Im ersten Kapitel von Steffensky Buch lese ich über den Hintergrund der Sehnsüchte und über die Wünsche der Menschen und darüber, wie die Wünsche der Menschen den Hunger nach Spiritualität begründen. Für Steffensky ist Spiritualität „gebildete Aufmerksamkeit“: Aufmerksamkeit für das Unglück und auch die Wahrnehmung Gottes, z. B. in der Schönheit der Natur.

Schließlich kommt Steffensky zum „Handwerk der Spiritualität“, das er am Beispiel des Gebets als dem Herzstück der Spiritualität darlegt. Dazu nennt er zwöf Regeln, die zur religiösen Aufmerksamkeit verhelfen können, u. a.:

1. Entschließe dich zu einem bescheidenen Vorhaben auf dem Weg zum Gebet! …
2. Gib deinem Vorhaben eine feste Zeit! …
3. Gib deinem Vorhaben einen festen Ort! …

Fulbert Steffensky: „Schwarzbrot-Spiritualität“, S. 20ff.
(als pdf-Datei hier abrufbar oder Blogbeitrag dazu hier nachzulesen)

Steffensky endet mit der Frage und der Feststellung:

Haben das nicht auch unsere Väter und Mütter gewusst, wenn sie am Morgen und Abend gebetet haben, wenn sie die Losungen gelesen haben, wenn sie sonntags in den Gottesdienst gingen, … ? […]

Aber uns ist vieles von ihrem Wissen verloren gegangen, und wir müssen das einfache Alphabet der Frömmigkeit mühsam lernen. Es ist tröstlich, dass wir nicht alles neu erfinden müssen. Es ist auch schön zu wissen, dass das eigene Haus Schätze der Weisheit birgt […]

Fulbert Steffensky: „Schwarzbrot-Spiritualität“, S. 22f.

Und so komme ich zurück zur Abendglocke, die mich, wenn ich sie höre, an Mutters Lied erinnert, an das Gebet, an den Schatz der Weisheit – an das Schwarzbrot im Haus meiner Eltern.

Eine Definition des von Steffensky geprägten Begriffs „Schwarzbrot-Spiritualität“ findet man bei Harry Waßmann:

Schwarzbrot ist nicht die schnelle Schnitte zum raschen Verschlingen. Für Schwarzbrot brauchst du Zeit. Schwarzbrot musst du kauen, intensiv und ausgiebig. Dann erst entfaltet sich sein voller Geschmack – und dann erst kommst du auf den Geschmack. „Schwarzbrot-Spiritualität“ hieße dann: Es gibt geistige Nahrung, die braucht Zeit, bis ich ihren Gehalt spüre.

Bevor ich das Apostolische Glaubensbekenntnis – bevor ich das Vaterunser oder die Psalmen oder alte Choräle in ihrer geheimnisvoll fremden Sprache als altbacken abtue: Kaue intensiv! – nicht um gedankenlos wiederzukäuen – aber um dahinter zu kommen: Was für Erfahrungen verbergen sich darin? Was für eine Poesie? Was für eine geistliche Kraft?

SWR2 Wort zum Tag, 11 März 2008: „Schwarzbrot-Spiritualität“ von
Harry Waßmann, Tübingen, Evangelische Kirche
(https://www.kirche-im-swr.de/?page=beitraege&id=3277)




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