Anders und doch gemeinsam oder: „Eule Elli und die Sache mit dem Mond“

2019 erschien das erste Buch mit Eule Elli, die an Tagen „mit strahlend hellem Sonnenlicht“ Freunde gesucht hat und nach erfolgloser Suche bei Nacht im tiefen Wald in Thea Fledermaus eine Freundin findet, eine Freundin, um zu „springen, tanzen, lachen, Stöckchen fangen, Blödsinn machen“. Dass sie beide tagsüber müde und nachts wach sind, war Grundlage ihrer Freundschaft. Seit August 2021 gibt es nun ein neues Buch mit Elli und Thea, doch statt der Gemeinsamkeit der Freundinnen geht es im neuen Buch um das Trennende, um widersprüchliche Sichtweisen, um Streit und um die Suche nach der richtigen Wahrheit.

Das neue Kinderbuch von Autor Georg Vollmer mit den Illustrationen von Pina Gertenbach aus dem Magellanverlag in Bamberg hat mich immer wieder zum Nachdenken gebracht, zum Nachdenken über das Trennende zwischen bisher guten Freunden, die einander plötzlich ablehnen, weil der bzw. die andere einer „falschen“ Meinung, einem „falschen“ Glauben anhängt.

Vor dem Blick ins Buch eine Spoilerwarnung an (Klein-)Kinder: In diesem Beitrag wird der eigentliche Plot der Geschichte genannt. Die Gefährdungsbeurteilung für Spoilern lässt mich hier dennoch weiterschreiben, da sicher nur wenige Kleinkinder den Blogbeitrag lesen, bevor sie zum Buch greifen.

Im Streit zwischen den Freundinnen Elli und Thea geht es um unterschiedliche Sichtweisen und um Worte: Ist der Mond „über mir?“ oder ist der Mond „unter mir“? Die einfache Antwort aus Ellis Blickwinkel – „Natürlich ist der Mond oben, über mir!“ – drängt sich auf, und es fällt schwer, Theas Blickwinkel – „Der Mond ist unter mir!“ – zuzulassen und anzunehmen.

Text von Georg Vollmer, Illustration von Pina Gertenbach.
Aus: „Eule Elli wünscht sich Freunde“. 2019, Magellan, Bamberg, 978-3-7348-2057-1

Im Streit suchen Elli und Thea Rat bei anderen Tieren, finden dort keine Antwort und wenden sich an ihre Mütter. Doch diese bekräftigen nur die Gegensätze: Mutter Eule zitiert aus dem Liederbüchlein: „Der Mond ist aufgegangen …“, während Mutter Fledermaus aus der Schule weiß: „Der Mond am Himmel unten ist.“ Mit den Antworten der Mütter gibt es kein Halten mehr beim Streit zwischen Elli und Thea. Das Bild dazu ist eindrücklich und beängstigend (oder begeisternd für Kinder, die sich freuen, wenn es mal so richtig knallt und donnert). Mit zugekniffenen Augen brüllen die beiden: „Der Mond ist unten!“, „Der Mond ist oben!“.

An dieser Stelle, an der es scheinbar kein Weiter gibt, ergreift ein bisher nicht beachtetes Wesen das Wort: das Eichhörnchen. Auf den vorangehenden Seiten hätte man es schon sehen können, wie es den sich zuspitzenden Streit verfolgt. Mal sieht man nur seine Augen, mal nur den Schwanz, mal nur den Kopf. Das nun in voller Größe sichtbare, freundliche Eichhörnchen vermittelt zwischen den Streitenden, denn es kann beide Blickwinkel einnehmen: Wenn es den Baum auf- und abwärtsgeht, sieht es den Mond „hoch oben überm Horizont“ bzw. „ganz tief unten“.

Das Bild, an dem das Eichhörnchen die beiden Sichtweisen aufzeigt, habe ich lange betrachtet – am besten war das mit einer kleinen Eichhörnchen-Figur, die ich über das Bild wandern ließ. Ebenfalls hilfreich ist für mich die Eselsbrücke, dass „für Thea dort, wo ihre Füße sind, unten“ ist. So schaffe ich es, neben der vertrauten Sichtweise von Elli auch Theas Sichtweise einzunehmen.

Für Thea ist der Mond „unten“, bei Theas Füßen, …

… während er für Elli „oben“ ist, bei Ellis Kopf.

Mit diesem Blickwechsel ist die Freundschaft wieder möglich, und das Eichhörnchen betont dazu: „Ein Freund darf andrer Meinung sein, … wenn du ihn brauchst, dann ist er da.“

Das reine Zuhören und Zuschauen macht Kindern sicher Spaß, vor allem, wenn sie dabei den Reim selbst ergänzen dürfen. Dass die – aus dem ersten Buch bekannten – Freunde streiten und wie sie aus dem Streit herausfinden, ist das eigentliche Thema des Buchs. Die von Pina Gertenbach gemalten Bilder dazu sind spannend anzusehen, noch dazu, wenn man daraus ein Suchspiel macht: Wo steht Elli, wo Thea, wo der Mond? Entdeckst du das Eichhörnchen? …

Die für mich wichtigste Aussage für Klein und Groß : Solange man in seinem eigenen vertrauten Kreis bleibt, kann man nicht die andere Seite als mögliche andere Sichtweise zulassen oder zumindest Verständnis dafür aufbringen. Am wichtigsten scheinen bei einem solchen Streit Eichhörnchen-Menschen zu sein, die verschiedene mögliche Sichtweisen zu vermitteln und Verständnis füreinander zu schaffen versuchen. Nur jemand, der – wie das Eichhörnchen – zwischen Positionen hin- und herwechselt, kann wahrnehmen und vermitteln, dass beide Positionen möglich sind.

Wie gut, dass ich in meiner Ostheimer-Figuren-Schatzkiste das springende Eichhörnchen gefunden habe, das ich beim Lesen den Baum in alle Richtungen entlangklettern lassen kann. Ich wünsche Kindern, dass sie beim Betrachten des Buches auch ein Eichhörnchen oder ein ähnliches Objekt zur Hand haben, mit dem sie erfahren, dass beide Sichtweisen der Streitenden möglich sind.

Ideen für Vorleser:innen:

  • Nehmt eine Eichhörnchen-Figur und fahrt damit den Weg des Eichhörnchens im Buch nach.
  • Macht ein Suchspiel zu den Bildern: „Entdeckst du das Eichhörnchen!“, „Schau dir Ellis und Theas Gesichter an: Was siehst du in ihren Blicken? Wie fühlen sie sich wohl?“
  • Hängt ein Mondbild auf und spielt, dass ihr Thea und Elli seid: Wenn du mit einer Art Kopf- oder Schulterstand oder von einer Schaukelstange herunterhängend mit deinem Blick das Mondbild suchst, erkennst du, dass der Mond dort ist, „wo die Füße sind – unten“.
  • Auch Erwachsenen tut es sicher gut, sich mit einem Schulterstand oder der Yoga-Figur Clown oder Pflug und den Füßen überm Kopf bewusst zu machen, dass man die Welt um sich ab und zu aus einem ungewohnten Blickwinkel wahrnehmen kann. Besonders wohltuend ist das, wenn man dabei auch noch lächeln kann.
  • Zur Bedeutung der wiedergefundenen Freundschaft zwischen Elli und Thea kann man auf das Ende des ersten Bandes zurückgreifen:
    „Von nun an sind die beiden stets bei Nacht gemeinsam unterwegs.
    Man sieht sie springen, tanzen, lachen und Stöckchen fangen, Blödsinn machen.“

 

Fotos (c) Stefan Hotop, 2021

Ein Gedanke zu „Anders und doch gemeinsam oder: „Eule Elli und die Sache mit dem Mond“

  1. marie.sf

    Das Konzept der beiden Eule Elli-Bücher hört sich gut an. Schön ist die Rezension mit den Fotos dazu, sehr stimmungsvoll mit blauem Untergrund, leuchtendem Mond, Beerenzweig und Holzeichhörnchen… Danke für den Tip, die Bücher sind eine Geschenk-Idee für unsere Enkelkinder.

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