Tala, skratta, fira, minnas

image_pdfimage_print

Im Herbst 2005 begannen wir mit unserem Schwedischkurs: eine Gruppe von Studentinnen und Studenten, Lehrer, Rentner, eine Freiberuflerin, …, dazu Birgitta aus Åtvidaberg in Schweden. „Tala svenska“ vom Groa Verlag war unser Lehrbuch. Auf einer der ersten Seiten im Buch sahen wir einen Mann, „en man“, beim Fischen, „fiska“, im Gespräch mit einem Jungen, „en pojke“. „Ett Samtal i Malmö“, so lautete die Überschrift zum Bild. Wir lernten: die Vorsilbe„sam“ bedeutet „zusammen, gemeinsam“, „tala“ bedeutet „sprechen“. Ja, das wollten wir: „sam-tala“, „zusammen sprechen“!

Mit den Geschichten im Buch reisten wir durch Schweden, vom Campingplatz in Bohuslän zum Hotel bei Karlskrona – wir hatten im Kurs viel Spaß dabei, als Touristen nach einem Zimmer zu fragen oder im Restaurant etwas zu essen zu bestellen. Es war befreiend, gemeinsam zu üben, zu reden und zu lachen.

Ganz zu Beginn des Kurses wurde ein Mädchen geboren, Anna. In den folgenden Jahren kam sie regelmäßig mit ihrer Mutter zu uns. Jahre später, als Anna schon lange in Nordschweden ein neues Zuhause gefunden hatte, war wieder ein kleines Mädchen bei uns im und erkrabbelte neugierig den Raum und unsere Taschen.

Jeden Januar und jeden Juni ging die Teilnehmerliste herum, in die wir uns wieder eintrugen. Und so trafen wir uns dann wieder im März und im Oktober zum Folgekurs. Manche verließen die Runde, weil sie wegzogen, doch andere kamen nach und wurden Teil der Gruppe. Im Juni feierten wir midsommar-knytkalas, und im Dezember jul mit lussekatter und glögg, dabei sangen wir luciasånger, von Gitarre oder Geige begleitet:

Du ska inte tro det blir sommar … und Den blomstertid nu kommer …,
Santa Luci-i-i-a …
und … tissla, tassla – tipp, tipp, tapp.

Wenn jemand Geburtstag hatte, sangen wir die schwedische Version von „Hoch soll sie leben …“: „Ja, må hon leva, ja, må hon leva … uti hundrade år“, zum Schluss sagte Birgitta feierlich: „Ett fyrfaldigt leve för _, hon leve!“, und wir ergänzten: „Hurra, hurra, hurra, hurra“.

Nachdem wir „Tala svenska“ durchgearbeitet hatten, wurde aus dem Sprachkurs ein Konversationskurs. Wir redeten über alles mögliche, was wir während des zurückliegenden Wochenendes oder des letzten Urlaubs getan und erlebt hatten, und erfuhren dabei immer mehr voneinander und über die jeweiligen Lieblingsthemen: Natur, Musik, Literatur, Fotografie, Reisen, …

Und wir begannen, schwedische Bücher zu lesen und im Kurs zu besprechen – Bücher, die wir bei Charlotte von Saltagrodan in Berlin (seit 2018 in Gräfelfing) bestellt hatten:

  • 2011/2012: Vilhelm Moberg, „Torr sommar“
  • 2012/2013: Leicht-zu-lesen-Version von Henning Mankells „Mannen på stranden“ und „Fotografens död“
  • 2013/2014: Catharina Ingelman-Sundberg, „Kaffe med rån“
  • 2014/2015: Henning Mankell, „Italienska skor“
  • 2015/2016: Fredrik Backman, „En man som heter Ove“
  • 2016/2017: Annette Haaland, „Pastor Viveka och tanterna“
  • 2017/2018: Per J Andersson, „New Delhi – Borås: den osannolika berättelsen om indiern som cyklade till Sverige för kärlekens skull“

All die Jahre hindurch war Birgitta nie krank gewesen. Doch plötzlich hatte Birgitta Schmerzen – Schmerzen, die sie davon abhielten, mit uns zum Ende des Winterkurses 2017/2018 indisch essen zu gehen. Drei Wochen nach ihrem siebzigsten Geburtstag starb Birgitta. Im Trauergottesdienst hörten wir auf Schwedisch das Lied „Må din väg …“ , „Möge dein Weg …“, nach einem irischen Segenswunsch (Text mit Zeichensprache; Gesang):

Må din väg gå dig till mötes och må vinden vara din vän
och må solen värma din kind och må regnet vattna själens jord
och tills vi möts igen må Gud hålla, hålla dig i sin hand.

Ich bin froh und dankbar für die Zeit, die wir mit ihr verbracht haben: mit ihr, die gerne ärtsoppa, köttbullar und Janssons frestelse, kanelbullar, hallongrottor und jordgubbar aß, die uns lehrte, schwedisch zu sprechen, schwedische Bücher zu lesen und schwedische Filme zu sehen oder Sommar i P1 anzuhören, die es liebte, mit uns zu feiern und zu singen – unsere Lehrerin und Freundin Birgitta.

Ein Gedanke zu „Tala, skratta, fira, minnas

  1. Helmut

    ein sehr schöner Rückblick auf einen tollen Kurs mit einer besonderen Kursleiterin, die wir wohl alle ins Herz geschlossen haben. Danke Dir Mirjam, das konnte man nicht besser machen.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.