Reife und Eifer – Kirche zwischen Mission und Museum

Ein Gottesdienst in vertrauter Umgebung: Vor 60 Jahren, im Herbst 1955, wurden in der damals neu erbauten Tübinger Martinskirche die ersten Gottesdienste gehalten – meine Großmutter Klara war sicher dabei. Jahre später, bei einem unserer Besuche, saß ich neben ihr in dieser oval-achteckigen Kirche mit ihrer ganz besonderen Atmosphäre von Geborgensein und Zugehörigkeit.

Seit drei Jahren besuche ich zusammen mit meiner Mutter einmal im Monat diese Kirche und sitze dort neben ihr, wie damals neben Oma Klara. Einige Gottesdienst-Besucherinnen und auch die Pfarrerin, Frau Hartmann, kennen mich schon und grüßen mich, wenn ich mit Mutter nach dem Gottesdienst die Kirche wieder verlasse. Hier fühle ich mich meiner Tübinger Großmutter und meinen Eltern nahe, hier ist der (Glaubens-)Ort, an den sie mich gestellt haben.

Heute, am 13. Nov. 2016, kurz nach dem Martinstag, findet hier ein besonderer Gottesdienst statt: Die koreanischen Gemeinde, die in der Martinskirche regelmäßig ihre Gottesdienste feiert, dankt der Martinsgemeinde mit einem gemeinsamen Gottesdienst.

Die Pfarrerin der Martinsgemeinde und der aus Stuttgart angereiste Pfarrer der koreanischen Gemeinde begrüßen die Besucher, es folgen bekannte Lieder, gesungen auf Deutsch und auf Koreanisch, danach der Psalm 84, schließlich die Predigt zu Epheser 2, 19 + 20:

„Wohl denen, die in deinem Hause wohnen; die loben dich immerdar.“ (aus Psalm 84)

„So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist.“ (Epheser 2, 19 + 20)

Pfarrer Kim erzählt zunächst, wie es für ihn ist, wenn er alle zwei Jahre auf das Ausländeramt geht, um sein Visum zu verlängern: in Anzug und mit Krawatte. Dort fühlt er sich als Fremdling. Doch hier, in der Martinskirche, ist er Mitbürger.

Bei seinem Vergleich von deutschen und koreanischen Christen stellt Pfarrer Kim fest: Deutsche Christen leben ihren Glauben mit dem Kopf, geleitet von ihrer Vernunft. Als Beleg dafür verweist er auf die vielen ausformulierten Gebete im evangelischen Kirchengesangbuch, auf die man in den verschiedensten Situationen des Lebens zurückgreifen kann. Koreanische Christen dagegen leben ihren Glauben mit ihrem Herz, mit ihren Emotionen, außerdem seien sie fleißige Kirchgänger. Verkürzt formuliert:

„Deutsche Christen sind reife Christen.“
„Koreanische Christen sind eifrige Christen.“

Pfarrer Kim beschreibt Entwicklungsstufen einer Kirche unter dem Stichwort der „4 M“:

  • Am Anfang steht die frohe Botschaft und der Wunsch, hinauszugehen in die Welt und anderen Menschen die frohe Botschaft zu bringen, sie mit ihnen zu teilen: Mission.
  • Dann kommt die Zeit des Dienens für diese Botschaft: Ministry.
  • Daran schließt sich die Zeit der Aufrechterhaltung des Status quo an, eine Zeit, in der man das Erreichte erhalten und davon nichts verändern will: Maintenance (oder auch Management).
  •  Schließlich kommt man in der Zeit an, in der die Kirche als Teil der Vergangenheit erlebt wird, als: Museum.

Auf diesem Hintergrund fragt Pfarrer Kim: In welcher Kirche leben wir, als deutsche oder als koreanische Christen? Wo stehen wir heute: Sind wir eine Maintenance-Kirche, die am Status quo festhält? Oder gar eine Museum-Kirche? Und: Welche Kirche wünschen wir uns?

Der von Pfarrer Kim aufgezeigte Weg von der Missions-Kirche zur Museums-Kirche macht mich nachdenklich, ebenso die Begriffe Reife und Eifer: Welche Vorteile hat Reife und welche Vorteile hat Eifer in der Kirche (oder auch in einer Beziehung)? Reife beinhaltet einen Schatz an Ressourcen, auf die man zurückgreifen kann und die stützen. Eifer dagegen ist voll Energie mit dem Drang nach Neuem. Wünschenswert ist es, die Reife und den Eifer so zu verbinden, dass sie sich gegenseitig ergänzen: aufbauend auf den Schätzen und Erfahrungen des bereits Erlebten und voll Energie und Offenheit für Neues.

Im Gegensatz zu dem – von Pfarrer Kim beschriebenen – vernunftgelenkten Glauben deutscher Christen erlebte ich den gemeinsamen Gottesdienst sehr emotional-berührend und voller Gefühle: beim Lesen und Singen vertrauter Texte und Lieder und beim Hören der wunderbaren Musik des vierköpfigen koreanischen Männerchores bzw. des Trios mit Klavier, Geige und Cello. In der Musik spüre ich das Miteinander von Reife und Eifer, von sicherheitsgebender Vertrautheit und vorwärtsdrängender Energie.

Links:

Martinsgemeinde Tübingen

Koreanische Gemeinde in der Martinskirche in Tübingen

Die Gemeinde nennt sich „Koreanische Evangelische Gemeinde im süddeutschen Raum“. Sie ist 1970 entstanden […]
Aus Entfernungsgründen wurde die Gemeinde 1989 getrennt […].
Seitdem gibt es die „Koreanische evangelische Gemeinde im süddeutschen Raum“ mit den Gemeinden in Stuttgart, Tübingen, Göppingen und Trossingen. Ihr gehören 220 Erwachsene und 50 Kinder sowie Jugendliche an.

Koreanische Gemeinde in der Friedenskirche in Stuttgart

Koreanische Nambu-Gemeinde

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Die Martinskirche

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