{"id":2726,"date":"2021-08-05T15:07:04","date_gmt":"2021-08-05T15:07:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.ichtich.de\/?p=2726"},"modified":"2025-05-02T20:23:22","modified_gmt":"2025-05-02T20:23:22","slug":"schwarzbrot-am-abend","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ichtich.de\/?p=2726","title":{"rendered":"Schwarzbrot am Abend"},"content":{"rendered":"\n<p>Vor Kurzem sa\u00dfen wir beim Abendbrot, es war genau acht Uhr. Da begann die Glocke der Dorfkirche zu schlagen, zuerst die Uhrzeit, dann in gleich bleibendem, ruhigem Rhythmus:<br>hin und her, hin und her, eins \u2013 zwei, eins \u2013 zwei, eins \u2013 zwei &#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Klang der Glocken fiel mir ein, wie es fr\u00fcher war, wenn ich mit Mutter an einem Sommer- oder Herbstabend im Garten war und die Glocken zu l\u00e4uten anfingen. Das L\u00e4uten der Abendglocke beendete \u2013 damals wie auch heute \u2013 den Arbeitstag. Es ruft uns zu, dass es Zeit ist, im Garten die Gartenschere oder beim Abendessen das Messer zur Seite zu legen, innezuhalten und durch das Abendlied zu Ruhe zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Glocken haben mich innehalten lassen, sie haben mich mit anderen ins Gespr\u00e4ch gebracht \u00fcber Singen und Beten im Haus unserer Eltern und mich mit Fulbert Steffenskys \u201eSchwarzbrot-Spritiualit\u00e4t\u201c und seinen Regeln f\u00fcr religi\u00f6se Aufmerksamkeit bekannt gemacht. Ohne dies vertiefend darzustellen, m\u00f6chte ich mit diesem Text den Impuls geben, Steffenskys Text zu lesen, zu erinnern, zu \u00fcben und mit anderen dar\u00fcber ins Gespr\u00e4ch zu kommen &#8230;.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Beim Klang der Abendglocke sang unsere Mutter mit uns:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>Ach bleib bei uns, Herr Jesu Christ, weil es nun Abend worden ist;<br>dein g\u00f6ttlich Wort, das helle Licht, la\u00df ja bei uns ausl\u00f6schen nicht!<\/p><p>In dieser schwern, betr\u00fcbten Zeit verleih uns, Herr, Best\u00e4ndigkeit,<br>da\u00df wir dein Wort und Sakrament behalten rein bis an unser End!    Amen<\/p><cite>EG 246 (Text: Philipp Melanchthon und Nikolaus Selnecker; Melodie: Martin Luther)<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>So habe ich es als Kind gelernt, das Eine l\u00e4sst sich nicht vom Anderen trennen: der Glockenschlag, der Garten oder der Abendbrottisch, die Mutter, das Innehalten \u2013 das Lied. Nun also sitze ich wieder am Tisch, h\u00f6re die Glocken, singe das Lied und denke dabei an Mutter, deren Stimme nie aufh\u00f6ren wird, in mir zu singen. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich meinem \u201eGro\u00dfcousin\u201c \u2013 auch ein Pfarrerskind \u2013 von dieser Situation erz\u00e4hlte, schrieb er mir: \u201e\u201aAch bleib bei uns Herr Jesu Christ &#8230;\u2018 geh\u00f6rt auch zu meinem Gebetsschatz, weil es bei uns zuhause immer beim L\u00e4uten der Abendglocke gesprochen wurde. Das Gebet ist f\u00fcr mich wie ein gutes St\u00fcck Schwarzbrot.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Erst stutze ich: \u201e&#8230;ein gutes St\u00fcck Schwarzbrot\u201c? Dann erkenne ich: \u201eein gutes St\u00fcck Schwarzbrot\u201c, ja, das klingt gut, das ist passend! Als ich dem Bruder vom Abendlied und dem \u201eSchwarzbrot-Gebet\u201c des Cousins erz\u00e4hle, verweist er mich auf ein Buch des bekannten Theologen<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=zuOxHcAwNTI\"> Fulbert Steffensky<\/a>: <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-style-rounded\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"655\" src=\"https:\/\/www.ichtich.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Schwarzbrot-Steffensky-Juli-2021-1024x655.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2734\" srcset=\"https:\/\/www.ichtich.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Schwarzbrot-Steffensky-Juli-2021-1024x655.jpg 1024w, https:\/\/www.ichtich.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Schwarzbrot-Steffensky-Juli-2021-300x192.jpg 300w, https:\/\/www.ichtich.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Schwarzbrot-Steffensky-Juli-2021-768x491.jpg 768w, https:\/\/www.ichtich.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Schwarzbrot-Steffensky-Juli-2021-1536x983.jpg 1536w, https:\/\/www.ichtich.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Schwarzbrot-Steffensky-Juli-2021-2048x1310.jpg 2048w, https:\/\/www.ichtich.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Schwarzbrot-Steffensky-Juli-2021-624x399.jpg 624w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption><em>Fulbert Steffensky: \u201eSchwarzbrot-Spiritualit\u00e4t\u201c.<\/em> <em>Radius-Verlag, Stuttgart, 2008; ISBN-13: 9783871733253; 2005.<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Im Vorwort schreibt Steffensky \u00fcber \u201eSpiritualit\u00e4t\u201c, \u00fcber die gro\u00dfe Sehnsucht der Menschen und \u00fcber die Frage, was wir unseren Nachkommen hinterlassen. Dazu erz\u00e4hlt er von der \u00dcbergabe des Prophetenmantels von Elia an seinen Sch\u00fcler Elisa und stellt dazu die Frage: \u201eWelche M\u00e4ntel hinterlassen wir unseren Nachkommen? Worin k\u00f6nnen sie sich bergen und womit k\u00f6nnen sie sich w\u00e4rmen?\u201c. Hier erg\u00e4nze ich und frage: \u201eWelche M\u00e4ntel haben wir von unseren Eltern bekommen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Im ersten Kapitel von Steffensky Buch lese ich \u00fcber den Hintergrund der Sehns\u00fcchte und \u00fcber die W\u00fcnsche der Menschen und dar\u00fcber, wie die W\u00fcnsche der Menschen den Hunger nach Spiritualit\u00e4t begr\u00fcnden. F\u00fcr Steffensky ist Spiritualit\u00e4t \u201egebildete Aufmerksamkeit\u201c: Aufmerksamkeit f\u00fcr das Ungl\u00fcck und auch die Wahrnehmung Gottes, z. B. in der Sch\u00f6nheit der Natur. <\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich kommt Steffensky zum \u201eHandwerk der Spiritualit\u00e4t\u201c, das er am Beispiel des Gebets als dem Herzst\u00fcck der Spiritualit\u00e4t darlegt. Dazu nennt er zw\u00f6f Regeln, die zur religi\u00f6sen Aufmerksamkeit verhelfen k\u00f6nnen, u. a.:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>1. Entschlie\u00dfe dich zu einem bescheidenen Vorhaben auf dem Weg zum Gebet! &#8230;<br>2. Gib deinem Vorhaben eine feste Zeit! &#8230;<br>3. Gib deinem Vorhaben einen festen Ort! &#8230;<br>&#8230;<\/p><cite>Fulbert Steffensky: \u201eSchwarzbrot-Spiritualit\u00e4t\u201c, S. 20ff.<br>(als <a href=\"https:\/\/www.ev-kirche-voslapp.de\/gottesdienste\/texte-gedichte-etc\">pdf-Datei hier <\/a>abrufbar oder <a href=\"https:\/\/sola-gratia.ch\/fulbert-steffensky-15-regeln-fuer-eine-resiliente-spiritualitaet\/\">Blogbeitrag dazu hier<\/a> nachzulesen)<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Steffensky endet mit der Frage und der Feststellung:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>Haben das nicht auch unsere V\u00e4ter und M\u00fctter gewusst, wenn sie am Morgen und Abend gebetet haben, wenn sie die Losungen gelesen haben, wenn sie sonntags in den Gottesdienst gingen, \u2026 ? [&#8230;]<\/p><p>Aber uns ist vieles von ihrem Wissen verloren gegangen, und wir m\u00fcssen das einfache Alphabet der Fr\u00f6mmigkeit m\u00fchsam lernen. Es ist tr\u00f6stlich, dass wir nicht alles neu erfinden m\u00fcssen. Es ist auch sch\u00f6n zu wissen, dass das eigene Haus Sch\u00e4tze der Weisheit birgt [\u2026]<\/p><cite>Fulbert Steffensky: \u201eSchwarzbrot-Spiritualit\u00e4t\u201c, S. 22f.<br><\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Und so komme ich zur\u00fcck zur Abendglocke, die mich, wenn ich sie h\u00f6re, an Mutters Lied erinnert, an das Gebet, an den Schatz der Weisheit \u2013 an das Schwarzbrot im Haus meiner Eltern. <\/p>\n\n\n\n<p>Eine Definition des von Steffensky gepr\u00e4gten Begriffs \u201eSchwarzbrot-Spiritualit\u00e4t\u201c findet man bei Harry Wa\u00dfmann:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>Schwarzbrot ist nicht die schnelle Schnitte zum raschen Verschlingen. F\u00fcr Schwarzbrot brauchst du Zeit. Schwarzbrot musst du kauen, intensiv und ausgiebig. Dann erst entfaltet sich sein voller Geschmack \u2013 und dann erst kommst du auf den Geschmack. \u201eSchwarzbrot-Spiritualit\u00e4t\u201c hie\u00dfe dann: Es gibt geistige Nahrung, die braucht Zeit, bis ich ihren Gehalt sp\u00fcre.<\/p><p>Bevor ich das Apostolische Glaubensbekenntnis \u2013 bevor ich das Vaterunser oder die Psalmen oder alte Chor\u00e4le in ihrer geheimnisvoll fremden Sprache als altbacken abtue: Kaue intensiv! \u2013 nicht um gedankenlos wiederzuk\u00e4uen \u2013 aber um dahinter zu kommen: Was f\u00fcr Erfahrungen verbergen sich darin? Was f\u00fcr eine Poesie? Was f\u00fcr eine geistliche Kraft?<\/p><cite>SWR2 Wort zum Tag, 11 M\u00e4rz 2008: \u201eSchwarzbrot-Spiritualit\u00e4t\u201c von <br>Harry Wa\u00dfmann, T\u00fcbingen, Evangelische Kirche <br><a href=\"https:\/\/www.kirche-im-swr.de\/?page=beitraege&amp;id=3277\">(https:\/\/www.kirche-im-swr.de\/?page=beitraege&amp;id=3277)<\/a><\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p><br><br><br><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor Kurzem sa\u00dfen wir beim Abendbrot, es war genau acht Uhr. 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