Literatur und Klopapier

Das aktuelle Hamstern von Klopapier ließ mich nachdenken, nachdenken über Literatur und Klopapier. Von meiner Mutter weiß ich, dass in in ihrer Jugend Zeitungspapier zu Klopapier geschnitten wurde – wenn man nichts anderes zu tun hatte, habe die Großmutter gesagt: „Geh Abtrittpapier schneiden.“ Zeitungspapier als Klopapier? Keine neue Idee. Beim Nachdenken über Bücher und Klopapier gingen meine Erinnerungen zurück in den Deutschunterricht. Da gab es doch diese Szene, in der die Seiten eines deutschen Klassikers als Klopapier verwendet werden …?

Neben den Klassikern stand damals im Lehrplan auch moderne Literatur. Und obwohl der Deutschlehrer nur die alten Klassiker als Literatur gelten ließ, musste er mit uns moderne Literatur lesen, von Wolfgang Borchert, Peter Weiß und Ulrich Plenzdorf. Die Art, wie im Unterricht Goethe als Genie verehrt und Plenzdorf als „Schreiberling“ abgetan wurde, erschwerten mir den Zugang zu Goethe und wiesen mir den Weg zu Plenzdorf und seinem „jungen W.“.

Klopapier in Verbindung mit der Erinnerung an die Lektüre von Goethes „Leiden des jungen Werther“ und Plenzdorfs „neue Leiden des jungen W.“ …. In der blauen Suhrkamp-Ausgabe finde ich das Gespräch zwischen Vater Wibeau und Edgars Freund Willi über Edgars Tonbänder, dazu aus dem Hintergrund – der tote – Edgar :

„Verstehn Sie’s?“

„Nein. Nichts …“

Könnt ihr auch nicht. Kann keiner, nehme ich an. Ich hatte das aus dieser alten Schwarte oder Heft. Reclamheft. Ich kann nicht mal sagen, wie es hieß. Das olle Titelblatt ging flöten auf dem ollen Klo von Willis Laube. Das ganze Ding war in diesem unmöglichen Stil geschrieben.

Ulrich Plenzdorf, „Die neuen Leiden des jungen W.“, Suhrkamp, 1976, S. 19

Ja – es hat uns damals Spaß gemacht, die Sprachstile zu vergleichen, Edgars schnoddrige Umgangssprache und Werthers gefühlsbetonte Sprache. Wir haben das Stück im Theater gesehen und aus den Werken zitiert – auch ein Zugang zu Goethe:

Es ist ein einförmiges Ding um das Menschengeschlecht. Die meisten verarbeiten den größten Teil der Zeit, um zu leben, und das bisschen, das ihnen von Freiheit übrigbleibt, ängstigt sie so, dass sie alle Mittel aufsuchen, um’s loszuwerden. O Bestimmung des Menschen!

Johann Wolfgang von Goethe, „Die Leiden des jungen Werther“. Erstes Buch, am 17. Mai

Ein Reclam-Heft der alten oder der neuen Leiden auf Klopapier, gebunden und mit perforierten Seiten, oder lieber gleich von der Rolle? Das ließe sich derzeit vielleicht gut verkaufen.



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